08. September 2026
Von der Idee in den App Store: Was professionelle KI-Entwicklung von „KI, mach mal" unterscheidet
In den Sommerferien habe ich mit meinem Sohn Ben eine Mathe-App gebaut. Sie heißt Monster Mathe, sie ist für die Grundschule, und am 14. September erscheint sie im App Store. Ben war für die Monster zuständig — das blaue heißt Fred, den Namen hat er vergeben.
Ich erzähle das nicht als Familiengeschichte, sondern als Beleg. Denn die Frage, die ich in Seminaren und bei Kunden am häufigsten höre, lautet sinngemäß: Wie weit kommt man heute wirklich mit KI? Die ehrliche Antwort hat zwei Teile. Zum Prototyp kommt man in einer Stunde. Zum Produkt kommt man so nicht — und der Unterschied ist kein technischer, sondern ein handwerklicher.
Von der Idee in den Laden — 50 Tage
- 27. Juli Zuschnitt und Technikwahl Erst gestrichen, dann gebaut: kein Konto, keine Werbung, keine Netzfunktion.
- Juli–Aug. 232 Commits in 31 Tagen Jede Entscheidung mit Begründung im Klartext — das Gedächtnis des Projekts.
- laufend 20 Prüfläufe auf den Spielkern Ohne Simulator, ohne Testframework, in Sekunden. Ist jede Aufgabe lösbar?
- Aug. Geschlossener Test, echte Kinder Auf zwei Plattformen — dort fällt auf, was am Schreibtisch niemand sieht.
- 27. Aug. Eingereicht Zwölf Screenshots in exakten Maßen, Datenschutzerklärung, Fragebogen, Altersfreigabe.
- 2. Sept. Freigegeben — ohne Rückfrage Erster Anlauf, keine Ablehnung.
- 14. Sept. Im App Store Zum selbst gewählten Termin. Android folgt.
„KI, mach mal" bringt dich bis zum ersten Screenshot
Vibe Coding, wie es inzwischen heißt, funktioniert verblüffend gut: Man beschreibt, was man will, und bekommt etwas, das läuft. Für einen Entwurf, eine Machbarkeitsfrage, eine Demo am Freitagnachmittag ist das großartig, und ich nutze es selbst so.
Der Haken zeigt sich erst danach. Was so entsteht, hat keine Vergangenheit. Niemand weiß mehr, warum eine Entscheidung so gefallen ist, was schon einmal probiert wurde und woran es scheiterte. Bei der zweiten Änderungsrunde baut die KI Dinge um, die aus gutem Grund so waren. Beim dritten Anlauf hat man vier Fassungen und keine davon ist die richtige.
Professionell wird es an der Stelle, wo man aufhört, die KI um Code zu bitten, und anfängt, mit ihr ein Projekt zu führen.
Was wir konkret anders gemacht haben
Die Idee zuschneiden, bevor irgendetwas entsteht. Die erste Entscheidung war eine Streichung: keine Anmeldung, keine Werbung, keine Netzwerkfunktion. Nicht aus Prinzipientreue — sondern weil jede dieser drei Funktionen einen Rattenschwanz aus Datenschutz, Store-Auflagen und Wartung nach sich zieht. Eine App für Achtjährige, die gar keine Daten erheben kann, muss man später nicht erklären.
Das Projekt bekommt ein Gedächtnis. Alles liegt in einer eigenen Git-Instanz — bei mir Gitea, selbst gehostet. 232 Commits in 31 Tagen, jeder mit einer Begründung im Klartext, nicht nur „fix". Das klingt nach Bürokratie und ist in Wahrheit das Gegenteil: Es ist die einzige Fassung der Wahrheit, auf die sich Mensch und KI im nächsten Schritt beziehen können. Entscheidungen, die ich vor drei Wochen getroffen habe, muss ich nicht erinnern — sie stehen da.
Prüfen statt hoffen. Die Spiellogik — Aufgaben erzeugen, Fortschritt bewerten, Belohnungen vergeben — liegt bewusst getrennt von der Oberfläche. Dadurch lässt sie sich ohne Simulator und ohne Testframework prüfen: 20 Prüfläufe, gut 1.100 Zeilen, ein Kommando, ein paar Sekunden. Der Lauf beantwortet Fragen, die man einer KI nicht glauben sollte: Ist jede erzeugte Aufgabe lösbar? Kommt bei „Zahl minus Zahl" nie etwas Negatives heraus? Geht bei einem Update ein Spielstand verloren?
Vor der Veröffentlichung habe ich ihn noch einmal laufen lassen. Alle Prüfungen bestanden.
Design ist eine Entscheidung, keine Geschmacksfrage. Es gibt in Monster Mathe kein rotes Kreuz und keinen Fehlerton. Das Monster legt den Kopf schief, es gibt einen zweiten Versuch, dann den Rechenweg. Es gibt auch keine Serien, die reißen, und kein trauriges Monster, wenn ein Tag ausfällt — solche Mechaniken wirken über schlechtes Gewissen, und bei einem Grundschulkind ist das die falsche Währung. Das ist keine Grafikfrage. Das ist die pädagogische Haltung, in Code gegossen.
Derselbe Werkzeugkasten, zwei Arbeitsweisen
„KI, mach mal"
- Der Entwurf entsteht im Chatfenster und lebt dort.
- Warum etwas so ist, weiß nach zwei Wochen niemand mehr.
- Geprüft wird durch Ausprobieren — sieht ja gut aus.
- Rechtliches und Store-Auflagen kommen zum Schluss. Oder gar nicht.
- Ergebnis: ein Prototyp, der beeindruckt.
Geführtes Projekt
- Alles liegt in der Versionsverwaltung, mit Begründung.
- Entscheidungen sind nachlesbar — für mich und für die KI.
- Ein Prüflauf widerspricht, wenn die Logik nicht stimmt.
- Der unspektakuläre Teil ist von Anfang an eingeplant.
- Ergebnis: etwas, das man ausliefern kann.
Der Store ist die eigentliche Prüfung
Hier trennt sich am deutlichsten, was vorgeführt werden kann, von dem, was ausgeliefert wird. Beide Läden verlangen Dinge, die mit Programmieren nichts zu tun haben: Datenschutzerklärung unter fester Adresse, Support-Adresse, ausgefüllter Datenschutz-Fragebogen, Altersfreigabe, Screenshots in exakten Pixelmaßen — zwölf Stück, für zwei Gerätefamilien.
Dass daran Zeit verloren geht, gehört zur Wahrheit. Auf allen zwölf Aufnahmen lag zunächst der graue Kreis der Bedienungshilfen im Bild, den ich zweimal übersehen habe. Die Altersfreigabe stand nach dem ersten Ausfüllen auf 13+, weil eine einzige Antwort im Fragebogen falsch war — nicht die App war das Problem, sondern meine Angabe darüber.
Solche Punkte kosten einen Nachmittag. Sie kosten aber keinen zweiten Anlauf, wenn man sie vor der Einreichung findet. Apple hat Version 1.0 ohne eine einzige Rückfrage freigegeben.
Was das für Unternehmen heißt
Wer KI produktiv einsetzen will, muss nicht lernen, bessere Prompts zu schreiben. Man muss lernen, ein Vorhaben so zu führen, dass die KI darin arbeiten kann:
- Entscheidungen werden festgehalten, nicht erinnert. Sonst trifft sie die KI beim nächsten Mal neu — und anders.
- Es gibt eine Instanz, die widerspricht. Ein Prüflauf, eine Testperson, eine Checkliste. KI-Ausgaben klingen immer plausibel; das ist ihre gefährlichste Eigenschaft.
- Der unspektakuläre Teil wird eingeplant. Rechtliches, Store-Auflagen, Barrierefreiheit, Texte. Genau dieser Teil entscheidet, ob aus dem Prototyp ein Produkt wird.
Die Ferien-App eines Vaters mit seinem Sohn ist dafür ein kleines Beispiel. Der Weg ist derselbe wie bei einem Vorhaben mit sechsstelligem Budget — nur billiger zu besichtigen.
Monster Mathe erscheint am 14. September für iPhone und iPad, die Android-Fassung folgt. Kostenlos, ohne Werbung, ohne Konto, ohne Netzverbindung. Mehr zur App
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen vor derselben Frage stehen — wie aus KI-Experimenten belastbare Ergebnisse werden — sprechen wir darüber.