15. Oktober 2026
Vogelalbum: Warten auf den ersten Gast
Vor zwei Monaten habe ich auf LinkedIn ein altes Vogelhaus gezeigt, das mein Sohn und ich vor dem Müll gerettet und neu gestrichen haben. Der Beitrag endete mit einem Nebensatz: dass ich überlege, da eine kleine Kamera mit KI-Vogelerkennung einzubauen.
Die Kamera hängt seit Ende August.
Und dann haben wir gewartet.
Ein Album, das sich von allein füllt
Die Idee war nie eine technische. Sie war die: Wenn ein Vogel am Futterhaus landet, soll der Rechner sagen, welcher es war, und ihn in ein Sammelalbum eintragen. 148 heimische Arten, gefundene in Farbe, fehlende als graue Schatten. Dazu Erstfang, Punkte und Abzeichen.
Für ein Kind ist das kein KI-Projekt. Es ist ein Album, das sich von allein füllt, und in das man jeden Morgen schauen muss, ob über Nacht jemand dazugekommen ist.
Genau das ist dann auch passiert. Nur der Teil mit dem Dazukommen noch nicht.
Vier Wochen lang: null
Mein Sohn hat vor dem Frühstück nachgesehen. Jeden Tag. Vier Wochen lang stand da dieselbe Zahl.
Dass die Technik läuft, konnte ich ausschließen: Ich habe ein Amselfoto vor die Linse gehalten, und das Album hat prompt eine Amsel eingetragen, mitsamt Erstfang und Abzeichen. Als ich selbst vor der Kamera stand, passierte nichts. Menschen werden ignoriert, und das soll auch so sein.
Es lag also nicht an uns. Es lag daran, dass noch kein Vogel kam.
Das ist der Teil, den ich unterschätzt hatte, und er hat mit Software nichts zu tun: Ein frisches Vogelhaus wird nicht sofort angenommen. Vögel sind vorsichtig mit allem, was gestern noch nicht da war, und es dauert, bis so eine Stelle zu ihrer täglichen Runde gehört. Dazu kommt die Jahreszeit. Ende August und im September liegt draußen überall Futter. Ein Futterhaus wird interessant, wenn es kalt wird, nicht wenn es warm ist.
Wenn ich einen Satz weitergeben dürfte an alle, die sowas nachbauen wollen: Die erste Geduldsprobe ist nicht die Technik, sondern der Vogel. Hängt das Häuschen nicht am Tag vor dem Geburtstag auf.
Der 23. September, 8:31 Uhr
Dann war sie da. Eine Kohlmeise.
Erstfang, das Abzeichen „Erster Gast", und ein Kind, das an diesem Morgen nicht mehr vom Bildschirm wegzubekommen war. Vier Wochen warten und dann die erste Karte in Farbe: Das kann man sich kaum besser ausdenken.
Seitdem sind es fünfzehn Besuche. Weiterhin eine einzige Art, und ich zeige die Sammlung trotzdem genau so, wie sie ist. Wir rechnen fest damit, dass es im Winter deutlich voller wird, wenn das Futterhaus seinen eigentlichen Dienst tut.
Wie es funktioniert, in drei Sätzen
Zwei Modelle arbeiten nacheinander. Das erste beantwortet nur „ist da ein Vogel, und wo?", das zweite bestimmt auf diesem Ausschnitt die Art. Der Katalog ist dabei auf heimische Arten eingeschränkt. Ohne diese Einschränkung wird aus einer Kohlmeise zuverlässig eine nordamerikanische Schwesterart, weil das Modell dort trainiert wurde.
Alles läuft auf eigener Hardware: kein Cloud-Dienst, kein Konto, keine Telemetrie. Die Bilder verlassen das Netz nicht.
Drei Dinge, die ich falsch gemacht habe
Kurz, damit sie jemandem erspart bleiben:
- Nicht mit
curlam Kamerastream „nachsehen". Ein Raspberry Pi Zero verträgt keinen zweiten Zuschauer. Ich habe mit der Messung genau die Aussetzer erzeugt, die ich untersuchen wollte. Dafür gibt es jetzt einen Status-Endpunkt, der den Stream nicht anfasst. - Eine Diagnoseschwelle unterhalb einer Filterschwelle ist wirkungslos, wenn der Filter zuerst läuft. Mein Protokoll sollte „Vogel zu klein im Bild" von „kein Vogel da" unterscheiden und konnte es wochenlang nicht.
- Der Vogel braucht fünf bis acht Prozent der Bildfläche, sonst findet ihn kein Modell. Das ist eine Frage des Bildwinkels, nicht der Auflösung. Mehr Megapixel helfen nicht, näher montieren schon.
Warum das Projekt frei ist
Vogelalbum steht ab heute unter der AGPL-3.0: benutzen, verändern, weitergeben, alles erlaubt. Der Quellcode ist offen.
Das ist keine Geste, sondern der eigentliche Punkt. Was hier im Garten steht, kostet an Hardware fast nichts. Es genügt eine Kamera, die ein Bild über das Netz liefert. Ein Raspberry Pi Zero tut es, ein ESP32-S3 für rund 17 Euro auch, und für beide liegt fertige Firmware im Projekt. Dazu ein sparsamer Rechner für die Erkennung, eine Grafikkarte braucht es nicht.
Es gibt keinen Grund, warum so etwas ein Abo sein müsste. Eine Schulklasse, ein Kindergarten, ein Großvater mit einem Futterbrett am Fenster: Alle sollen das nachbauen können, ohne ein Konto anzulegen und ohne dass ihre Bilder irgendwo landen, wo sie nicht hingehören.
Wer gar keine Kamera hat, kann Fotos vom Spaziergang hochladen. Dieselbe Erkennung, derselbe Weg ins Album.
Was es nicht kann
Acht heimische Arten kennt das Modell nicht und ordnet sie Verwandten zu, darunter Sumpf-, Weiden- und Haubenmeise. Deshalb gibt es im Album ein Feld „Von Hand bestätigt als". Bei uns stand Ende September eine Blaumeise im Album, die eine Kohlmeise war. Ein Klick, und die Sammlung stimmt wieder. Und der Katalog ist auf Mitteleuropa ausgelegt; andere Regionen sind kein Umbau, aber Datenarbeit.
Als Nächstes
Zwei Dinge.
Eine App fürs Telefon, damit die Sammlung dort liegt, wo Kinder sie ohnehin ansehen: in der Hand. Sie zeigt das Album, die letzten Besuche und die Abzeichen, und unterwegs lassen sich Fotos damit direkt hochladen. Sie ist in Arbeit.
Und ein Bausatz. Ein Vogelhaus, das für die Kamera gebaut ist statt andersherum, mit der Landefläche an der richtigen Stelle im Bild und einem Platz für die Technik, der im Sommer nicht zu heiß wird.
Rechtzeitig zu dem Winter, auf den mein Sohn sich damals schon gefreut hat.
Sammlung, Quellcode und alles Weitere: zur Projektseite.